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21.2.10

Windelgeschichte: Jahr ein, Jahr aus

Eine etwas andere Windelgeschichte kommt heute von Annatina. Schon das Vorwort verrät, dass es diesmal anders zugeht! Danke an dieser Stelle an die interessante Verfasserin!

Vorwort:
Diese Geschichte handelt von einem Spiesser.
Einem einsamen Buchhalter.
Pünktlich, korrekt aber nichts besonderes.
Einer der änderungen in seinem Leben vermied.
Einer der Mühe hatte neues zuzulassen.
Einer der sein Leben ohne Freunde lebte.
Einer der etwa 55 Jahre alt war.

Einer der Jahr ein Jahr aus im gleichen Rhythmus lebte.
Einer der in seinen eigenen Traditionen verwurzelt war.
Der Gefangen war in sich selbst.
Einer der gerne ausbrechen würde.
Einmal nur.
Ausbrechen aus seinen Gewohnheiten.
Ausbrechen aus seiner Vernunft.

weiter

Geschichte:

Er hasste es.
Und wie er es hasste.
Jahr ein Jahr aus morgens um vier Uhr dieses Aufstehen.
Aufstehen weil seine Blase drückte.
Immer und immer wieder schwor er sich, einmal doch nicht aufzustehen.
Und doch, er stand wieder auf.
Immer wieder, Jahr ein Jahr aus!

Danach duschte er.
Er duschte sich immer.
Jahr ein Jahr aus duschte er sich am Morgen.
Er rasierte und kämmte sich.
So wie er das immer tat.
Er zog sich an.
Jahr ein Jahr aus zog er sich am Morgen einen Anzug an.

Er schlüpfte in seinen Regenmantel.
Nahm seine schwarze Arbeitsmappe.
Nahm seinen schwarzen Regenschirm.
Nahm seinen schwarzen Hut.
Er verliess seine Wohnung.
Stieg diese wenigen Stufen hinunter.
Diese Stufen die er immer hinunter stieg.

Er lief zum Bus so wie er das immer machte.
Er stieg ein.
Er grüsste nie.
Er setzte sich nie.
Er schaute sich nie um.
Sein Blick hing immer an den Verhaltensregeln bei Notfällen fest.
Jahr ein Jahr las er jeden Morgen diese Regeln.

Im Büro sass er da, wie er immer da sass.
Machte seine Arbeit.
Sprach nur das nötigste.
ärgerte sich über seine Arbeitskollegin.
Er fluchte nie.
Verhielt sich wie immer.
Jahr ein Jahr aus verhielt er sich gleich.
___________________________________

Dann kaufte er sich ein Paket Windeln.
Heimlich kaufte er die.
Unbemerkt vor den Augen anderer.
Versteckt in einem schwarzen Rollkoffer.
Er trug sie Heim.
Nicht, dass er sich wunderte.
Er wunderte sich nie über sich.

Er zog sich aus.
Faltete seine Kleider zusammen.
Legte sie fein säuberlich auf seinen Stuhl.
Jahr ein Jahr aus legte er seine Kleider zusammengefaltet auf diesen Stuhl.
Er nahm eine Windel aus dem Packet.
Begutachtete sie.
Studierte die Anziehregeln und zog sie an.

Er stand vor seinem Spiegel.
Dieser Spiegel der ihn das erste Mal mit Windel zeigte.
Er schämte sich nicht.
Er schämte sich nie.
Er nahm sich vor, diese eine Nacht nicht aufzustehen.
Aufzustehen weil seine Blase drücken würde.
Wie immer morgens um vier.

Er lag da.
Wie immer lag er da.
Dann drückte seine Blase.
Jahr ein Jahr aus drückte morgens um vier Uhr seine Blase.
Seine Gewissen sagte: geh.
Sein Verstand sagte: geh.
Seine Gewohnheit sagte: geh.

Er blieb liegen.
Gegen seine Gewohnheit blieb er liegen.
Morgens um vier als seine Blase drückte.
Er blickte in die dunkle Nacht.
Er horchte in die Stille.
Er fühlte wie seine Blase drückte.
Es war der erste Morgen an dem er nicht aufstand.

Er wartete 10 Minuten.
Er wartete 30 Minuten.
Er wartete 1 Stunde.
Dann hörte er auf gegen sein Gewissen anzukämpfen.
Er schaltete seinen Verstand aus.
Er wollte nur einmal etwas gegen seine Gewohnheit tun.
Einmal nicht aufstehen.

Er schloss seine Augen.
Konzentrierte sich auf dieses neue Gefühl.
Dieses Gefühl nicht aufzustehen wenn seine Blase drückte.
Er nahm wahr wie sein Herz klopfte.
Er fühlte wie sein Urin floss.
Wie sich eine Wärme ausbreitete.
Wie es war einmal nicht aufzustehen.
______________________________________________________

Er stand vor seinem Spiegel.
Dieser Spiegel, der ihn das erste Mal in einer nassen Windel zeigte.
Er schämte sich nicht.
Er schämte sich nie.
Er wunderte sich nicht.
Er wunderte sich nie über sich.
Er stand da und betrachtete sich.

Dann duschte er sich.
Er duschte sich immer.
Jahr ein Jahr aus duschte er sich am Morgen.
Er rasierte und kämmte sich.
So wie er das immer tat.
Er zog sich an.
Jahr ein Jahr aus zog er sich am Morgen einen Anzug an.

Er rollte die nasse Windel zusammen.
Steckte sie in eine Tüte.
Er schlüpfte in seinen Regenmantel.
Nahm seine schwarze Arbeitsmappe.
Nahm seinen schwarzen Regenschirm.
Nahm seinen schwarzen Hut.
Er verliess seine Wohnung.

Wie immer, Jahr aus Jahr ein verlies er morgens seine Wohnung.
Doch dann schloss er wieder auf.
Klemmte sich die zusammengerollte Tüte unter seinen Arm.
Verliess seine Wohnung erneut.
Stieg diese wenigen glitschigen Stufen hinunter.
Diese Stufen die er immer hinunter stieg.
Sein Blick schweifte zur Mülltonne.

Dann rutschte er aus.
Noch nie war er ausgerutscht.
Er verlor das Gleichgewicht.
Die Mappe fiel ihm aus der Hand.
Der Regenschirm blieb am Geländer hängen.
Sein Hut rollte davon.
Die Windel flog im hohen Bogen in die offene Mülltonne.

Er fluchte.
Er fluchte, obwohl er nie fluchte.
Er stand auf.
Strich seinen Regenmantel flach.
Hob seine schwarze Arbeitsmappe und seinen schwarzen Hut auf.
Nahm seinen schwarzen Regenschirm vom Geländer.
Und sah das Loch in seinem Regenmantel.

Noch nie lief er mit einem Loch herum.
Noch nie sah sein Regenmantel so zersaus aus.
Noch nie hatte seine schwarze Arbeitsmappe Schmutzspuren.
Noch nie rollte seinen Hut davon.
Noch nie ist er hingefallen.
Er wunderte sich.
Obwohl er sich nie wunderte über sich.

Er stieg diese wenigen glitschigen Stufen wieder hinauf.
Er fluchte als er die Wohnungstür öffnete.
Er stellte die schwarze Arbeitsmappe auf den Garderobenstuhl.
Stellte den schwarzen Schirm in den Schirmständer.
Legte seinen schwarzen Hut oben drauf.
Zog seinen Regenmantel aus.
Hängte ihn fein säuberlich an die Garderobe.

Er betrachtete sich im Garderobenspiegel.
Sah seine verstrubbelte Frisur.
Sah seinen verärgerten Blick.
Sah das nasse Laubblatt an seinem Kinn kleben.
Sah die Regentropfen auf seinem Gesicht.
Er schämte sich.
Noch nie hat er sich so sehr über sich geschämt.
__________________________________________________________________

Dann entschloss er sich, sich umzuziehen.
Er stand vor seinem Spiegel.
Dieser Spiegel, der ihn an diesem Morgen das erste Mal in Jeans und T-Shirt zeigte.
Er sah seine lustige strubbelige Frisur.
Er grinste sich an.
Er spürte dieses unbeschreibliche Gefühl.
Einmal gegen seine Gewohnheit zu Handeln.

Er schlüpfte nicht in seinen Regenmantel.
Er nahm nicht seine schwarze Arbeitsmappe vom Stuhl.
Griff nicht nach seinem schwarzen Regenschirm.
Lies seinen schwarzen Hut zurück.
Er verliess seine Wohnung.
Stieg diese wenigen glitschigen Stufen hinunter.
Diese Stufen die er immer hinunter stieg.

Er lief zum Bus so wie er das immer machte.
Er stieg ein.
Er grüsste freundlich.
Er setzte sich hin.
Obwohl er sich sonst nie hinsetzte.
Er blickte nicht zu den Verhaltensregeln bei Notfällen.
Obwohl er dies Jahr ein Jahr aus tat.

Ohne Regenmantel, ohne Arbeitsmappe, ohne Hut, ohne Regenschirm,
viel zu spät kam er im Büro an.
In der Hand hielt er einen Blumenstrauss.
Er lächelte als ihn seine Arbeitkollegin anstrahlte.
Er setzte sich verkehrt herum auf seinen Stuhl.
Alle wunderten sich.
Er wunderte sich nicht.

Er stellte sein Computer an.
Er pfiff und summte dabei.
Wählte die Seite mit dem Tageswitz.
Er lachte laut.
Und dann sah er es.
Dieses Bild mit dem Schnappschuss des Morgens.
Noch nie hatte er sich vorher dafür interessiert.

Es zeigte einen Mann.
Ein Mann mit Regenmantel.
Ein Mann mit schwarzer Arbeitsmappe.
Ein Mann mir schwarzem Regenschirm.
Ein Mann mit schwarzem Hut.
Ein Mann mit einer Tüte unterm Arm.
Ein Mann der gerade noch in der Luft balancierte, bevor er hinfiel.


Erfundene Geschichte von Annatina, 14. Februar 2010

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7 Kommentare:

Am/um 22.2.10 , Anonymous Miggl meinte...

Wow. Einfach nur wow. Auch wenn die Geschichte nur relativ wenign mit Windeln zu tun hatte, war das definitiv die beste, die ich hier je gelesen habe
100000 von 10 Punkten.

 
Am/um 22.2.10 , Anonymous Anonym meinte...

Was für ein an den Haaren herbeigezogener Unsinn, der auch noch so aussehen soll wie "Literatur".

 
Am/um 23.2.10 , Anonymous Anonym meinte...

Ach mann, das kann's doch ned sein!
Wie lang soll denn die "Abwärtskurve" dieser Page weiter sinken???

-Es ist an der zeit für den Aufschwung!

 
Am/um 24.2.10 , Anonymous Anonym meinte...

Ich habe sehr schmunzeln müssen über diese lustige Gecshichte - Danke dafür.

Gruss, Allesindie

 
Am/um 28.2.10 , Anonymous Anonym meinte...

prima Geschichte, danke!!!

 
Am/um 1.3.10 , Anonymous Anonym meinte...

Sry aber ich fand sie nicht so gut habe schon bessere gelesen

 
Am/um 13.3.10 , Anonymous Anonym meinte...

Den Mann kenne ich zu gut,,, DANKE es gibt ihn! 12,03.10

 

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7 Kommentare

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